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"Lohengrin" in der Oper Kiel: Neues aus der Rücktrittsrepublik

Lohengrin
Foto: Olaf Struck

Kiel - Uneingeschränkter Jubel für Musiker und Sänger, Bravos und einige Buhs für die Regie: Der Kraftakt Lohengrin ist am Kieler Opernhaus glanzvoll diskussionswürdig gelungen. Der Regisseur Georg Köhl beschäftigt den Zuschauer mit hintersinnigen Details und ironischen Anspielungen aufs Heute. Georg Fritzsch führt ein starkes Ensemble hellhörig durch Wagners Partitur.

Die Welt liegt wieder mal in Trümmern. Der Sarg des Landesfürsten ist noch nicht unter der Erde. Die Fassaden der Glaspaläste sind so zersplittert wie die Meinung der Volksvertreter, die sich auf den parlamentarischen Stufen wie immer lärmend mit sich selbst beschäftigen. Wohin driftet ihre Republik wohl diesmal? Doch keine Sorge, die eigentlichen Strippenzieher der Macht sind längst wieder aktiv.

Georg Köhl hat ihnen in seiner ungeheuer detailreichen Inszenierung von Richard Wagners politisch unterminiertem Gleichnis aus den deutschen Revolutionsjahren nach 1848 eine einzige Gestalt zugewiesen, die sonst nur als zeremonieller Pappkamerad herumsteht: den Heerrufer, dessen offizielle Töne Tomohiro Takada ebenso gut singt wie er ihn gefährlich unauffällig umherschleichen lässt. Schon bevor Generalmusikdirektor Georg Fritzsch den wunderbar feinstofflich einstudierten Philharmonikern den ersten Einsatz gibt, hat dieser Einflüsterer der Nation die Gunst der Stunde Null genutzt und Landestochter Elsa ein geheimnisvolles Buch in die Hand gedrückt. Es hat das Zeug zur Bibel einer schönen neuen Weltordnung.

Die junge Schwärmerin, der Katrin Adel zunächst sprachbetont kühl und etwas flackernd, dann aber immer eindringlicher Stimme gibt, ist genau die richtige, um ihr Volk mitreißend auf diesen Traum von einem Herrscher vorzubereiten: Lohengrin, die lächelnde Lichtgestalt. Der koreanische Tenor Sung-Kyu Park ist schon stimmlich ein „unerhörtes Wunder“, eines, das die heldische Partie mit Mitteln des Belcanto ganz ohne den Brustton des Haudegens in kopfigen Wohlklang auflöst. Feiner, betörender hat man die Gralserzählung wohl noch nie gehört. Aber Park passt in seiner fernöstlichen Bühnenstatik auch perfekt ins Regiekonzept. Denn der Heerrufer schiebt hier keinen gottgesandten Säbelkämpfer ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, sondern einen sendungsbewussten Friedensfürsten. Doch keiner weiß, wer sich wirklich hinter seiner glänzenden Erscheinung verbirgt. Entspricht dieser Lohengrin dem Typ Dalai Lama, ist er ein Blender vom Schlage zu Guttenberg oder gefährlich wie ein Scientologe?

Sehr genau zeigt die Regie, wie ausgerechnet Elsa sich selbst - und schließlich auch ihm - diese verhängnisvoll entlarvende Frage stellt. Liebe fordert Wahrheit. Doch im politischen Geschäft ist Wahrheit unbrauchbar. Der skeptisch das Brautgemach belauschende Heerrufer zieht die Reißleine, Lohengrin schmeißt hin. Und schon stößt uns die Regie mit der Nase auf unsere eigene Rücktrittsrepublik, in der sofort der nächste arme Schwan als Nachfolger (Gottfried: Clemens Marcic) durchs Dorf getrieben wird. Dass Köhl bei dieser trefflich aktualisierenden Analyse Wagners eigene Gedanken im Rücken hat, weist Cordula Engelberts Programmheft präzise nach.

Die dennoch umstrittene Inszenierung, die im ersten Akt tatsächlich noch ein wenig holzschnittartig daherkommt, ist deshalb so bemerkenswert gelungen, weil sie nicht nur konsequent ihre Botschaft transportiert, sondern hochmusikalisch und textnah alle Akteure individuell beleuchtet und von gewitzten Andeutungen nur so strotzt. Auf Norbert Ziermanns geschickt tiefengestaffelter Treppensaal-Bühne (mit einer Gloriole für spektakuläre Helden- und Brautauftritte im Hintergrund) und in den aussagekräftig scharf geschnittenen Kostümen von Claudia Spielmann erlebt man gerade den wichtigen Chor so bewegt wie selten. Dass Barbara Kler dabei auch noch für eine überragend deutliche Einstudierung der heiklen Chorpartie gesorgt hat, kann man gar nicht genug feiern. Das gilt auch für den wunderbar zarten Vestalinnen-Auftritt der Jugendchor-Edeldamen.

Georg Fritzsch zeigt sich nicht nur im C-Dur-Gewitter, wenn das machtlose Staatsoberhaupt König Heinrich machtvoll mahnt (Petros Magoulas) und die Ferntrompeten aus allen Richtungen schmettern, als gewiefter Raummusik-Klangregisseur. Er mischt die Orchesterfarben auch sonst trefflich eher in Pastell als in Öl, so dass die zukunftsfähig angebahnten Musikdrama-Ideen Wagners transparent aufleuchten. Gerade die dämonische Seite der Partitur wird so zum intensiven Kammerspiel.

Alexandra Petersamer kann da mit schön glühendem Mezzosopran umso mehr eine hohe Kunst der Wort-Ton-Verführung entfalten. Ihre Ortrud ist eben keine kreischende Mittelalter-Hexe, sondern eine selbstbeherrschte Intelligenzbestie, die mit Blicken und Untertönen in ihre Opfer dringt. Ihren Gatten hat der Kuss dieser imposanten Spinnenfrau schon erwischt. Jörg Sabrowski darf den Telramund mit starken Tönen in der Tiefe und einer überreichlich klischeebehafteten Schlagring-Gang im Rücken (Michael Müller, Fred Hoffmann, Kyung-Sik Woo und Ulrich Burdack) als bleichen Gevatter Tod überzeichnen. Im Rednerpult-Duell mit Lohengrin entgleist er gar zum kriegsgeilen Neonazi-Diktator - und wird abgewählt. In Kiel kommt die Romantische Oper eben ganz unromantisch auf den Punkt. Der Glaube an das politisch Gute stirbt in Wagners „allertraurigstem Stoff“ zuletzt, aber er stirbt.


(Quelle: Kieler Nachrichten)

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