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Kieler Nachrichten

Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" in Kiel: Evas Apfel und die Ware Kunst

Kiel - Der Kraftakt ist geglückt. Im Kieler Opernhaus erntet die von Georg Fritzsch geleitete Aufführung von Richard Wagners komischer und melancholischer Oper Die Meistersinger von Nürnberg berechtigt großen Jubel für Orchester, Chöre und das imposante Solistenensemble. Sechs Stunden, die auch polarisieren: Roman Hovenbitzers aufwendig profilierte und aktualisierende Regie-Arbeit muss auch Buhs einstecken. Es ist eine Inszenierung, die viel will und einiges schafft: eine aufgepeppte Oper mit etlichen Gags und einigem Stoff zum Nachdenken.

Ach Eva, hättest Du doch nicht so herzhaft in den Apfel gebissen. Und schon gar nicht gemeinsam mit deinem coolen Adam und Minnesänger Walther. So aber verliert das piefige Paradies Nürnberg knutschend seine Unschuld. Ausgerechnet in der Ehrenhalle, in der die Meistersinger bewahren, was die Geschichte der Kunst hergegeben hat, in der Heroenmumien liebevoll konserviert und der Nachwuchs in Gehörbildung gedrillt wird, riecht es für Momente gefährlich nach erosgesteuerter Aufmüpfigkeit statt nach dem Muff der tausend Jahre.

Dabei zeichnet das inspirierte Team von Gastregisseur Roman Hovenbitzer die kleine Welt der Meister keineswegs als ewig gestrig. Sie stecken nicht in Lederwämsen, starren nicht durch Butzenscheiben. Man hat es zumindest schon weit ins 20. Jahrhundert gebracht, schult mit Tonbandgeräten, spielt mit den Medien, schätzt die Bauhaus-Architektur. Wer möchte, erkennt in ihnen buntbemützte Muthesius-Granden und jungdynamische Kieler Dichter genauso wie ausgefuchste Phantastische Realisten oder erblindete Soul-Stars. Nur - so die Botschaft - haben sie sich in ihrer Weltkulturerbe-Pflege inzwischen allzu wohlig eingerichtet. Kunst ist längst zur hippen Edelware verkommen, Musik zum populistischen Event, garniert mit Sponsoren-Tafeln, Nummerngirls und Hot-Dog-Verpflegung.

Tilo Steffens, der offensichtlich sein Bühnenbild zur Meistersinger-Inszenierung von Katharina Wagner in Bayreuth im Hinterkopf behalten hat, und die Kostümbildnerin Henrike Bromber baden das Auge so aufwendig wie lustvoll in Klischees. Unter den Künstlern finden sich auch der Oberlehrer (herrlich pedantisch: Jörg Sabrowski als Fritz Kothner) und der hanseatische Pfeffersack (prächtig sonor: Thorsten Grümbel als Evas Vater Veit Pogner). Das gemeine Volk feiert das Johannisfest unter abgestorbenen, aber immerhin grün gestrichenen Baumstümpfen munter als Grillfest im Camper-Look.

Mit diversen Gags am Rande (man achte beispielsweise auf den köstlichen Nachtwächter von Hans Georg Ahrens) erinnert Regisseur Hovenbitzer daran, dass es sich hier - sehr wohl auch - um eine komische Oper handelt, deren verschrobene, aber gewitzte Knittelverse dankenswerterweise in Übertiteln erscheinen.

Hans Sachs, dem Richard Wagners ganze Sympathie gilt, setzt sich rasch zwischen alle Stühle. In seinem tiefergelegten Dichter-und-Denker-Tempel muss er versuchen, den zerstörerischen Wahn der Welt zu kitten, die Kunst vor Erstarrung, aber auch vor formlosem Übereifer zu schützen. Er ist Seelenklempner (mitsamt Psychocouch), Diplomat und Intrigant, Vaterfigur und einsamer Witwer. Der Bassbariton Ralf Lukas singt und spielt die riesige Partie nicht nur erstaunlich ermüdungsfrei kraftvoll, prägnant und strömend, sondern auch enorm warmherzig und intelligent. Dabei kommt weder das Zarte (etwa im Flieder-Monolog), noch polternde Wut zu kurz. Kein Wunder, dass solch ein Meister auch einen tollen Schüler hat: Der Tenor Fred Hoffmann ist ein agiler, stimmlich gewandter und diktionsfreudiger David, wie man ihn nicht alle Tage hört. Dass dessen Zukünftige, Merja Mäkeläs gestylte Magdalene, schmallippiger singt, wiegt ihr quirliges Agieren auf.

Neun sind aus Marmor, eine aber lebt: In Eva sieht Hans Sachs seine zehnte Muse. Es ist außergewöhnlich, wie es Hovenbitzers Regie und vor allem der Sopranistin Susan Gouthro gelingt, die oft unterbelichtete Figur aufzuwerten. Gouthro trifft ihren leichten Sinn, aber auch das Hin-und-hergerissen-Sein und das aufleuchtende Glück perfekt. Seltener Fall: Der Sturm-und-Drang Walther von Stolzings wirkt dagegen gebremst. Das liegt auch am Gesang von Corey Bix, der lyrische Qualitäten für die Höhenflüge und Linien etwa im Preislied mitbringt, dem es aber doch an heldischer Schlagkraft und Hitzigkeit mangelt.

Ähnlich grenzwertig lyrisch ist die weitere Hauptpartie Sixtus Beckmesser, Sachsens Gegenspieler und Walthers Konkurrent, besetzt. Doch Tomohiro Takada singt so würdig und plastisch, dass man jedes „Aber“ gern vergisst. Auch gewinnt die Figur tragische Größe, ist nicht lächerliche Karikatur, sondern eher ein verblendeter, sympathischer Unglücksrabe.

Generalmusikdirektor Georg Fritzsch und den extrem geforderten Kieler Philharmonikern macht es hörbar Freude, das Geschehen kontrapunktisch orchestral zu kommentieren. Da wird bald flüssig im Legato geschwelgt und ab und zu im Stakkato gekichert. Die gefürchtete Prügelszene, in der Wagner maximales Chaos mit der maximalen Ordnung einer Fuge in Einklang bringt, gelingt beachtlich präzise. Das liegt auch am durchweg diszipliniert von David Maiwald studierten Chor und Extrachor. Auch darf man die blitzblanken Ensembles der Meistersinger und der adäquat jung besetzten Lehrbuben in den höchsten Tönen preisen. Am sinnlichsten aber dirigiert Fritzsch, wenn es ernst wird: zum Beispiel im Vorspiel zum dritten Akt, in dessen Quintett oder zum vermeintlich ungebrochen affirmativ in C-Dur jubelnden Schluss.

Letzteres geht Hand in Hand mit einem geschickten Regie-Schachzug: Hans Sachs, gleichermaßen empört über den Ausverkauf der Kunst als Event-Ware wie über die Geringschätzung der Meister-Tradition durch Walther, hält seine berühmt-berüchtigte Schluss-Ansprache „Verachtet mir die Meister nicht“ hier nur zum Teil ans „Heil!“-dröhnende Volk. Vielmehr zieht er die Neuerer Walther und Eva hinab in den Ehrenkeller, wo ihn düstere Ahnungen übermannen. Da wundert sich die Eva, beißt lieber doch noch mal in den Apfel der freien Liebe. Doch ihre Unbekümmertheit ist dahin. Und das ist wohl auch besser so.

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